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Yunus Emre (1241-1321)

Die türkische Poesie setzt sogleich mit einem vollem Akkord im 13. Jahrhundert ein. Der größte aller islamischen mystischen Dichter, Mevlâna Celâladdin Rumi (1207 - 1273), verwendet freilich noch die persische Sprache, um seinen überwältigenden Visionen Worte zu leihen; aber in der anatolischen Stadt Konya, dem Zentrum der Seldschukenherrschaft, wohnhaft, läßt er doch hier und da ein türkisches Wort, einen türkischen Vers in seine Poesie eingleiten, und sein Sohn Sultan Veled (1226 - 1312) schreibt geläufig mystische Verse in türkischer Sprache. Doch setzt der eigentliche Beginn der türkischen Poesie nicht bei dem großen Meister von Konya ein, durch dessen geistige Kraft freilich jahrhundertelang nicht nur ein großer Teil der Dichtung, sondern auch derschönen Künste in derTürkei beeinflußtworden ist - der erste große Dichter Anatoliens ist der Mystiker Yunus Emre (gest. 1321), über dessen Ursprungsort und Tod jedoch die Überlieferungen auseinandergehen.
Die mystische Überlieferung, die sich etwa vom frühen 9. Jahrhundert an in den islamischen Ländern gebildet hatte, ist von Yunus Emre in seinem Werk vollkommen aufgenommen und in einfachsten Versen, in simplen Worten dargelegt worden. Teilweise in den aus der arabisch-persischen Kunstdichtung übernommenen, Länge und Kürze zählenden aruz-Metren, öfter jedoch in dem in der gesamten türkischen volkstümlichen Dichtung anzutreffenden silbenzählenden Metrum singt er seine Liebe zu Gott, seine Sehnsucht, die Angst vor dem Tode, die Hoffnung auf die beseligende Gottesschau. Das haben vor ihm und nach ihm viele getan, doch keiner in solch rührender Süße, solch ergreifender Einfachheit. Vielleicht muß man, um die Schönheit seiner Gedichte recht verstehen zu können, sich den wandernden Derwisch in den endlosen Weiten Anatoliens vorstellen - hier, auf der Suche nach seinem Scheich, dem mystischen Leiter auf dem Pfade zu Gott, empfindet er so Qual wie Beglückung des Wanderns. Jedes Ereignis in der Natur wird ihm zum Zeichen.
Ich ward zu Staub auf deinem Weg;
Du wiesest ganz von drüben hin
Bist du der Berg mit Steinenbrust,
der sich mir streng entgegenstellt?
Wie ein Räuber, der ihm den Weg versperrt, steht der schneebedeckt Berg vor ihm, und die Wolke weint voll Mitleid mit dem Wanderer:
Am Haupt der Berge voller Schnee,
O Wolke, trauben-, traubenschwer:
Dein Haar dir lösend, weinst um mich,
Wenn Trän' um Träne tropfend fällt?
Unschuldige und sehnsüchtige Frage, durch die Harmonie der in fast alle Wörtern verwendeten dunklen Vokale noch eindrucksvoller!
Alles, was Yunus leidet, kommt von der Liebe, jener absoluten Gottesliebe, die über das Paradies noch hinausgeht, die nichts will als brennen. Wenn er durch die Lande zieht, dem im Frühjahr schäumenden Wildbach oder dem Wegstaub des Sommers gleich, von Kopf bis Fuß eine einzige Wunde, ruft er wiederum "Ich brauche Dich, nur Dich allein". Jedes Gedicht trägt die unverwechselbare Diktion des glühenden Mystikers, der mit Bergen und Steinen, mit Tieren und Heiligen Gott anruft. Obgleich er festhält an allen islamischen Grundlehren, und auch einige tiefgefühlte Lobgedichte auf Muhammad den Propheten geschrieben hat, glaubt Yunus doch mit den ältesten großen Mystikern des Islam, daß die Religion der wahrhaft Liebenden von allen Religionen verschieden ist. Der wahrhaft Liebende taucht wie der Eisvogel in das Meer Gottes, seine Seele fliegt- mit dem uralten mystischen Bilde vom Seelenvogel - in die Nähe des göttlichen Geliebten.
"Die Derwische sind die Vögel Gottes" sagt er einmal; aber Derwischtum besteht nicht in irgendeiner bestimmten Kleidung, sondern in der Hingabe der Seele, im Sterben vor dem Sterben (wie ein in Mystikerkreisen oft zitiertes Wort Muhammads lautet). Der wahre Liebende ist trunken vom Wein der Urewigkeit - auch hier ein Symbol, das für die gesamte persisch-türkische mystische Poesie wichtig ist. Nach der Aussage des Korans (Sure 7, Vers 172) ließ Gott in der Urewigkeit für einen Augenblick alle künftigen Generationen erscheinen und fragte sie "Bin Ich nicht euer Herr?", und sie antworteten "Ja, wir bezeugen es". Dieser Urvertrag Gottes mit der Menschheit bedeutet die absolute Anerkennung von Gottes Herrschaft. Die Mystik hat dieses wunderbare Ereignis oft unter dem Bilde eines Mahles dargestellt, bei welchem den Menschen der Trank der Gottesliebe gereicht wird, der sie in alle Ewigkeiten berauscht.
Eben diese uranfängliche Liebe ist es, die Yunus Emre in seinen Gedichten besingt. Sie macht ihn einsam unter den Menschen:
Ach, gibt es auf der Erde wohl
Solch einen Fremdling, wie ich bin?
fragt er; sie läßt ihn schmelzen und vergehen, und doch ist sie das Wertvollste, was das Weltall ihm bieten kann. Mag Yunus auch, nach Art mancher Gottesfreunde, gelegentlich eine Anklage gegen Gott richten, weil die Welt so mangelhaft ist, so bleibt doch die letzte und einzige Wahrheit für ihn die Liebe, jene Liebe, die sich in dem immerwährenden Loblied aller Kreatur ausgedrückt findet, der Kreatur, welche im Paradies nur noch Allah ruft, und weicher der Derwisch in seinem immer wiederholten Gebet beistimmt.
Die Dichtung Yunus Emres ist durch die Jahrhunderte hindurch lebendig geblieben und wirkt in ihrer einfachen Sprache heute noch ebenso stark wie vor 700 Jahren. Nebeneinander verwendet Yunus türkische und persische bzw. arabische Wörter und wird so, durch Form und Inhalt, zum Vorläufer und unerreichten Muster aller späteren mystischen Volksdichter.
Quelle: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Annemarie Schimmel. Önel Verlag 1993
Der Post wurde 1 mal editiert, zuletzt von GulenGul am 12.06.2005 - 13:33.
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| Beitrag vom 12.06.2005 - 13:15 |
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